Volksdroge Ritalin?

14 Jun 2009

Eine kritische Betrachtung der Berichterstattung zu Ritalin im Tagesanzeiger

 

Im Tages Anzeiger vom 28. Februar 2009 sowie in diversen weiteren Veröffentlichungen auf dem Online-Portal wurden wir mit Schlagzeilen wie, „Ritalin als Opium für das Volk“ oder „Wer schluckt die enormen Mengen an Ritalin?“, geradezu erschlagen. Eine Karikatur auf der Frontseite zeigt einen Daniel Vasella, fröhlich tanzend auf seinem Schreibtisch.

Ist ja erschreckend! Oder?

Unglaublich! Denke ich, neugierig geworden ob dieser medialen Aufmerksamkeit. Ich bekam auf den ersten Blick den Eindruck, bei Ritalin handle es sich um ein süchtig machendes, in Unmengen verbreitetes und extrem gefährliches Medikament, welches wahllos, fern jeglicher Kontrolle und vor allem missbräuchlich geschluckt wird. Also machte ich mich auf die Socken mehr zu erfahren. Man will ja sich und auch seine Kinder vor Schaden bewahren.

Erste Erkenntnisse

Mir ist beim Lesen dieser Artikel aufgefallen, dass nur am Rande auf das Medikament und seine eigentliche Wirkungsweise eingegangen wurde. Es wurde bereits 1957 zugelassen und unzählige Studien zur Langzeitwirkung belegen die gute Verträglichkeit. Es erzeugt keine körperliche Abhängigkeit. Die Unterstellung unter das BMG (Betäubungsmittelgesetz) verhindert, dass illegaler Handel entsteht. Ärzte wie Apotheken müssen dieses Medikament im Tresor einschliessen und über jede einzelne abgegebene Tablette detailliert Buch führen. Hingegen gibt es diverse Verschreibungspflichtige, aber nicht dem BMG unterstellte Medikamente, die zur körperlichen Abhängigkeit führen. Offen ausgewiesen im Beipackzettel. Dazu gehören viele Schlaf- und Beruhigungsmittel. Der aktuelle Monitoringbericht über Sucht und Drogen in der Stadt Zürich erwähnt Ritalin als zu vernachlässigende Grösse im Gegensatz zu Heroin, Kokain, Alkohol, Zigaretten, Ecstasy und ähnlichem.

Wirkungsweise

Kinder und Erwachsene mit einer Aufmerksamkeitsstörung werden mit Ritalin entgegen der landläufigen Meinung nicht einfach ruhig gestellt, die Stimulanz eines bestimmten Bereiches im Gehirn ermöglicht den Betroffenen im Gegenteil ihren Alltag zu strukturieren, und auf ihre Aussenwelt angemessen – sprich ruhiger – zu reagieren. Für Konsumenten ohne Aufmerksamkeitsstörung hat Ritalin eine anregende, aufputschende Wirkung. Die Aufmerksamkeitsstörung wird seit dem 19. Jahrhundert bei Kindern und seit etwa 20 Jahren bei Erwachsenen wissenschaftlich besprochen und weitherum als psychisches Leiden anerkannt. Wie bei vielen anderen Krankheiten auch, wird Diagnose und Therapie der Aufmerksamkeitsstörung kontrovers diskutiert.

Schwarzmarkt für Ritalin

Wie aber können solche Pillen auf dem Schwarzmarkt auftauchen? Es wird vermutet, dass Patienten die verschriebenen Rationen nicht einnehmen oder der Arzt generell zu viel verschreibt. Je nach Patient werden die Pillen nicht entsorgt, sondern unter der Hand verkauft.

Enorme Mengen und reissender Absatz

Der Tagesanzeiger stellt in seinen Überschriften die Frage, welche Menschen denn diese „enormen“ Mengen an Ritalin schlucken? Die Einleitung spricht von einem „reissenden“ Absatz. Anschliessend wartet der Autor mit vielen Zahlen und Graphiken auf und erweckt damit den Eindruck, die Schweiz werde mit Ritalin überschwemmt. In Wirklichkeit sind es 9’000 Patienten.

Mehr Schein als Sein. Davon sprechen wir wirklich!

In der Folge wurde ich immer misstrauischer und fing an, ein klein wenig zu rechnen. Aufgrund des Tagi-Artikels, seiner Quellen und Gesprächen mit Ärzten.

Im Jahr 2007 wurden 195 Kilogramm Methylphenidat (Ritalin) in den Markt geliefert. Dies entspricht einer Menge von 195’000’000 Milligramm. Ein ADHS Patient nimmt täglich etwa eine Dosis von 60 mg Ritalin ein, was einem Jahresverbrauch von 21’900 mg entspricht. Mit den 195 Kilogramm MPH können in einem Jahr also knapp 9’000 Patienten betreut werden, 0,12% der Schweizer Wohnbevölkerung. Der ExFabric-Preis von Ritalin beträgt etwa 0.02 – 0.03 Franken pro Milligramm (Preis ist abhängig von der Konfektionierung). Damit belaufen sich die jährlichen Gesamtkosten für MPH in der Schweiz etwa CHF 4 – 6 Millionen. Damit weit weniger als CHF 1’000 pro Jahr und Patient. Die jährlichen Gesamtkosten für Medikamente in der Schweiz betragen gegenwärtig etwa CHF 5 Milliarden. Der Kostenanteil von Ritalin entspricht 0,09% der gesamten Medikamentenkosten.

Kommentar

Aufgrund dieser Fakten stellt sich für mich unwillkürlich die Frage, weshalb in dieser Artikelreihe gleichsam das Medikament, die Pharmaindustrie, die Ärzte und nicht zuletzt ein paar wenige Betroffenen auf die Anklagebank gesetzt werden? Die Artikel erscheinen unausgewogen und erwecken den Eindruck von Befangenheit. Hat sich da jemand von einer Lobbygruppe einseifen lassen? Bitte besser machen.

Mit einem

LiebGrussVomTom

Tags: , , , ,

6 Responses

  1. Du hast hier wirklich einige gute Punkte genannt! Sehr informativ, vielen Dank für diesen Beitrag! :)

  2. Besten Dank für die Klarstellung. Ritalin wird ja tatsächlich noch immer (man bedenke auch die Zulassung 1957) sehr konträr diskutiert. Interessante Zahlen die da aus der Schweiz kommen. Wir sind da acu gerade für Deutschland etwas am recherchieren.

  3. menga

    hey, guet recherchierte, interessante text!

  4. Danke für die Klarstellung. Sicher wird auch Schindluder mit der Medikation getrieben. Aber man kann doch eine sichere und wirkungsvolle Behandlung nicht aufgrund einiger Deppen, die damit Schindluder treiben, verdammen.

    • Gern geschehen. Trotzdem ist es mir in der ganzen Diskussion sehr wichtig geworden, der Sachlichkeit genügend, wenn nicht gar den kompletten Raum einzuräumen. Immer wieder stelle ich fest, dass sich die beiden Seiten unversöhnlich gegenüber stehen, was einfach nicht sein darf. Egal was andere denken, sie aber als Deppen oder Idioten zu bezeichnen steht einem schlicht nicht zu.
      LiebGruss

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.