Übelkeit in Wahlkampfzeiten

16 Okt 2015
Von Regula Götsch • Nachdenklichkeiten. Vorurteile.

Kürzlich hörte ich mal einen anderen Radiosender als üblich. Und je länger ich zuhörte desto verblüffter war ich: Die Welt in diesem Radio schien eine andere zu sein als die, die ich üblicherweise wahrnehme. Ein ähnlicher Effekt stellt sich ein, wenn ich statt dem Tages-Anzeiger oder der NZZ mal nur den Blick lese. Oder 20 Minuten. Die Schreibenden haben unterschiedliche Wahrnehmungen, die Redaktionen finden unterschiedliche Sachen wichtig. Jede Zeitung, jedes Medium präsentiert uns einen leicht anderen Ausschnitt der Welt um uns herum. Hier mehr Busen, da mehr Börse.

Extrem wird es dann auf Facebook. Da sehe ich ja meist nur das, was meine Freundinnen und Freunde veröffentlichen. Es gibt von der Pfannenwerbung über eher simple Guru-Sprüche bis zu privatesten Details alles. Und doch ist auch das nur ein kleiner Ausschnitt der Realität.

Wenn die SP etwas auf Facebook postet geht es oft nur Minuten, bis Leute mit Schweizerkreuz im Profilbild ihre Kommentare dazu abgeben oder die SP-Seite mit Filmchen „bereichern“. Die Kommentare sind unfreundlich bis unflätig. Es gibt zwar die fiese Funktion, die „verbergen“ heisst. Sie bewirkt, dass die Öffentlichkeit solche Kommentare nicht mehr sieht, ohne dass der Verfasser das merkt und er schmort also mehr oder weniger im eigenen Saft.

Trotzdem wirkt das Gift, das auf diese Weise verbreitet wird. Ich habe für diesen Text etwas genauer als sonst hingeschaut, was da geschrieben und kommentiert wird. Es gibt zum Beispiel eine Gruppe deren einziges Ziel es ist, die politischen Gegnerinnen und Gegner zur Schnecke zu machen. Aktuell erhofft man sich für Bundesrätin Schlumpf eine Lawine…

Ein besonders aktives Gruppenmitglied betitelt eine Nationalrätin der CVP als „Schrumpelhexe“ und in einem Kommentar wird dieselbe als „dämlechi Sou diä“ (Originalzitate) bezeichnet. Ein weiteres Originalzitat: „Reissen Sie den SP-Wahlzettel heraus und werfen Sie ihn in den Müll. Am besten Sie bespucken ihn noch.“ Dazu gibt es jeweils jede Menge Kommentare auf höchstens dem selben Niveau. Empfohlen wird, die SVP zu wählen. Wissen Sie was: Jetzt ist mir schlecht.

Da prallt man auf so ungeheuer viel Hass! Ich frage mich erschrocken, ob ich wohl mit ebensolchen Beschimpfungen zu rechnen habe, wenn ich diesen Text veröffentliche. Ist das nicht Terrorismus? Die Leute so lange einschüchtern, bis sie das Maul halten? Das dürfen wir nicht zulassen und dürfen keine Angst haben wenn es darum geht, unsere politische Tradition und Kultur aufrecht zu halten. Auch in Wahlkampfzeiten. Das tut, wer sich in der Familie, der Gemeinde, im Kanton oder in Bundesbern an den politischen Diskussionen beteiligt, seine Meinung vertritt UND akzeptiert, dass die eigene Meinung nur ein Teil der Wahrheit ist. Allen anderen sage ich: Ihr seid eine Schande für dieses Land!

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Regula Götsch (SP)

Generalsekretärin der SP von Stadt und Kanton Zürich.
Sie war von 1991 bis 2007 Gemeinderätin in Kloten (ZH), von 1995 – 2010 Kantonsrätin (ZH), präsidierte dort zuletzt die Wirtschaft und Abgaben Kommission (WAK), von 1988 – 1995 war sie Kantonale Parteisekretärin und betreute die Kantonsratsfraktion, die SP Frauen und verschiedene weitere Gremien. Sie ist seit 2012 Generalsekretärin der SP von Stadt und Kanton Zürich.

www.regulagoetsch.ch

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