Kein Schwizer mehr

7 Nov 2014
Von Regula Götsch • Nachdenklichkeiten.

„Wohltätigkeit ist das Ersäufen des Rechts im Mistloch der Gnade“.

Wenn ich den Spruch für mich übersetze dann bedeutet er, dass Wohltätigkeit immer von der „Gnade“ der Wohltätigen abhängt.

Ob also jemandem geholfen wird – zu Zeiten Pestalozzis waren das zum Beispiel die verarmte Landbevölkerung und ihre Kinder -, hängt davon ab ob die Person, welche helfen kann auch helfen will. Vielleicht gefällt ihr aber die Notleidende nicht, oder der hilfsbedürftige Mensch war zu wenig unterwürfig, oder was auch immer. Dann gibt’s nix. Pestalozzi war der Ansicht, dass die Sorge um die schwächeren Mitglieder einer Gesellschaft nicht von Wohltätigkeit abhängen darf. Da sich diese Meinung insbesondere angesichts des Elends der Fabrikarbeiterinnen und -arbeiter durchsetzen konnte, entstand später der moderne Sozialstaat. Weil die menschliche Gesellschaft keine Herde ist, die kranke Tiere ausschliesst und damit dem Tod überlässt. Bildlich gesprochen.
Trotzdem wird immer wieder versucht, Menschengruppen zu definieren, denen der Anspruch auf Hilfe durch die Gesellschaft verwehrt werden soll. Mit den Existenzängsten der Menschen wird das politische Geschäft betrieben, in dem man Tamilinnen, Ex-Jugoslawen, Albaner, Deutsche, Moslems, Flüchtlinge und Asylbewerberinnen zu Feinden erklärte, die den Leuten ans Portemonnaie wollen. Jetzt scheint diesen Politikern aber der ausländische Feind abhandengekommen zu sein. Jetzt kommen die Menschen an die Kasse, welche Leistungen des Sozialstaates benötigen. Das betrifft zum Beispiel Bezügerinnen von Ergänzungsleistungen. Im Kanton Zürich unter anderem 25’000 AHV-Rentnerinnen, deren Rente nicht zum leben reicht. 30% der Bezüger von Sozialhilfe sind Kinder unter 17 Jahren. 10% aller erwachsenen Sozialhilfebezügerinnen sind voll erwerbstätig. Wer profitiert wohl von den lausigen Löhnen, die sie erhalten?
Kann es wirklich sein, dass in unserem gewiss nicht armen Land Neid und engstirnige Missgunst Überhand nehmen? Wollen wir wirklich ein Land sein, in dem nicht die Ursachen sozialer Probleme angegangen werden, sondern zur Ablenkung davon auf beliebig konstruierte Feinde eingeprügelt wird?
Pestalozzi sagte auch folgendes: „Ich bin kein Zürcher, ich bin kein Schwizer mehr. Wir haben kein Vaterland mehr. Last uns Menschen bleiben und das Menschheitsinteresse sich dennoch nicht in uns mindern bis in unser Grab.“

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Regula Götsch (SP)

Generalsekretärin der SP von Stadt und Kanton Zürich.
Sie war von 1991 bis 2007 Gemeinderätin in Kloten (ZH), von 1995 – 2010 Kantonsrätin (ZH), präsidierte dort zuletzt die Wirtschaft und Abgaben Kommission (WAK), von 1988 – 1995 war sie Kantonale Parteisekretärin und betreute die Kantonsratsfraktion, die SP Frauen und verschiedene weitere Gremien. Sie ist seit 2012 Generalsekretärin der SP von Stadt und Kanton Zürich.

www.regulagoetsch.ch

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