Brüssel einfach

28 Feb 2014
Von Regula Götsch • Nachdenklichkeiten.

Klotener Stadtanzeiger – 27. Februar 2014

Es ist 166 Jahre her, dass die Schweizer gegeneinander Krieg geführt haben. Erst! Damals lag zwischen den Kontrahenten Zürich und Luzern eine Tagesreise zu Fuss. Heute reisen wir in einem Tag weit, weit über Europa hinaus. Es will mir einfach nicht in den Kopf, warum es da nicht logisch ist, dass Europa – mindestens Europa – „inwendig“ zusammenwächst. So wie das die Schweiz auch getan hat damals, nach diesem letzten Krieg. Gekriegt wurde jedenfalls in Europa weiss Gott genug.

Trotz dem Zusammenwachsen der Schweiz zu einer Nation erkenne ich noch einen Basler, eine Bündnerin, einen Luzerner oder eine Aargauerin am Dialekt. Wegen mangelnder Sprachkenntnisse habe ich zwar keine Chance, einen Tessiner von einem Italiener oder eine Romande von einer Französin zu unterscheiden. Aber was soll’s? Es ist doch eigentlich sehr egal, auf welcher Seite einer Landesgrenze jemand geboren wurde. Hier wie dort wollen Menschen ein gutes Leben führen und engagieren sich dafür. So einfach ist das. Trotz dem Zusammenwachsen der Schweiz – man sagt dem auch Integration – haben die  Zuger  ihre Kirschtorte, die Basler die Läckerli, Tessiner die Salsiccia und die Romands den Wein. Jeder Kanton hat seine Eigenarten behalten. Und diese sind wichtig, damit man sich zu Hause fühlt, das bestreitet niemand. Warum also zeigen wir Europa nicht, wie man das macht, anstatt die Gitter runterrasseln zu lassen und uns in unserem Stübli zu verkriechen?

Ich finde, wir haben versagt. Mit „wir“ meine ich uns Menschen, die in Europa mehr als nur „Ausland“ und „Wirtschaft“ sehen. Das Schlimme dabei ist, dass wir schon länger gar nicht mehr versuchen, den Menschen die europäische Idee – das erfolgreichste Friedensprojekt in unseren Breitengraden – näher zu bringen. Wir überlassen das Feld weitestgehend den wirtschaftlichen Argumenten, hüben wie drüben. Natürlich war die Schaffung eines gemeinsamen Wirtschaftsraumes eine Triebfeder der europäischen Entwicklung. Aber ich sehe das nur als einen ersten Schritt in die Richtung einer weitergehenden Integration. „Was?! Integration in Europa?! So weit kommt es noch!“ denken Sie jetzt vielleicht.   Davor muss man aber keine Angst haben, sondern sich darüber freuen, was man damit alles gewinnt! Die Welt wird plötzlich weit. Von Portugal bis Lettland, von Irland bis Griechenland können wir uns frei bewegen, können studieren oder arbeiten, Erfahrungen sammeln, Menschen und Länder kennenlernen, heimkehren oder bleiben. Das ist doch herrlich! Also: Es wäre herrlich, denn dazu müssten wir Mitglied der EU sein.

So gesehen bin ich eigentlich dankbar für das letzte Abstimmungsergebnis. Der Murks mit den bilateralen Verträgen ist am Ende. Jetzt ist der Weg frei nach Europa. Wir können diesen Weg mutig und selbstbewusst gehen. Ich freu’ mich schon drauf.

 

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Regula Götsch (SP)

Generalsekretärin der SP von Stadt und Kanton Zürich.
Sie war von 1991 bis 2007 Gemeinderätin in Kloten (ZH), von 1995 – 2010 Kantonsrätin (ZH), präsidierte dort zuletzt die Wirtschaft und Abgaben Kommission (WAK), von 1988 – 1995 war sie Kantonale Parteisekretärin und betreute die Kantonsratsfraktion, die SP Frauen und verschiedene weitere Gremien. Sie ist seit 2012 Generalsekretärin der SP von Stadt und Kanton Zürich.

www.regulagoetsch.ch

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